Ambiguous Points of View – eine Rezension von Stephan Schelle

Ambiguous Points of View 2 CD (2006)
Ambiguous Points Of View ist das mittlerweile zehnte Album von Norbert Krüler aka Shamall, der hier unter Beweis stellt, dass er nicht nur im Elektronikbereich, sondern auch im Progressiv- und Krautrock zu Hause ist. Zwar hatte er dies schon auf seinen beiden Alben The Book Of Genesis und Who Do The Think They Are begonnen, doch auf dem neuen Album beschreitet er diesen rockigen Weg noch konsequenter.

Die Doppel-CD kommt in einer erstklassigen Aufmachung daher (Digipack im Format eines kleinen Buches), das sich selbst mit dem Standard von Produktionen des InsideOut-Labels, deren CD-Gestaltung vorbildlich ist, messen kann. Auf einem 28seitigen, im Digipack befestigten Booklet sind alle Texte enthalten und mit sehr ansprechenden Bildern und Kollagen versehen. Allerdings kommt hier mein einziger Kritikpunkt an dieser CD zu Tage, denn einige Texte sind in weißer Schrift auf hellem Untergrund kaum zu lesen. Ansonsten lässt das Äußere der 157minütigen CD keine Wünsche offen.Und die Musik steht dem in Nichts nach, denn Norbert hat seine beiden Konzeptstücke Everything Has Two Sides und Far Away From Reality , die die Kernstücke der jeweiligen CDs darstellen, mit Melodien versehen, die sofort ins Ohr gehen. In diesen beiden epischen Stücken, die in mehrere Teile unterteilt sind, zelebriert er eine Mixtur aus Musik zwischen Pink Floyd und Eloy und würzt sie mit weiteren Zutaten. Alle, die mit Werken von Dark Side Of Moon bis The Wall von Pink Floyd sowie den 70er und 80er Jahre Werken der deutschen Band Eloy groß geworden sind, finden sich auf dieser Scheibe sofort zu Haus. Mir erging es jedenfalls so, dass ich die Melodien von Shamall nicht mehr aus dem Kopf bekam. Irgendeinen Teil hervorzuheben, ist nicht möglich, man muss das Teil einfach komplett hören. Dabei wird man immer wieder mit Teilen konfrontiert, in denen sich Melodien, Gesang und Rhythmen wiederholen. Und das macht die Scheibe noch intensiver.[…]

Für die Elektronikpuristen hat Norbert aber auch noch mit dem 19minütigen Time Is Running Out , dem Zweiminüter Babylon Atmosphere und dem fast achtminütigen Yesterdays Dance drei Instrumentals als Bonusmaterial mit auf die CDs genommen. Diese drei bewegen sich im Stil seiner früheren Werke.

Diese CD gehört für mich zu den Highlights des Jahres 2006. Aufmachung und Musik sind erstklassig und werden von mir uneingeschränkt empfohlen.
–c/o Musikzirkus Magazin, Stephan Schelle, Jan. 2007

 

Neues Album: Ambiguous Points of View

Shamall - Ambiguous points of view
Shamall – Ambiguous points of view
Fast drei Jahrzehnte prägte Norbert Krüler als DJ im Bremer Aladin die alternative Rockszene, bevor er im Jahr 2004 beschloss, sich ausschließlich seinem schon 1986 gegründeten Projekt Shamall zu widmen. Seit dem Start 1986 hat Shamall durchschnittlich alle zwei Jahre ein Album vorgelegt. Sein Ideenreichtum war insbesondere in den letzten Jahren so unaufhaltsam, dass die letzten 4 Alben als Doppel-CD’s in voller Spiellänge erschienen sind.
Begleitet wurde er dabei über die Jahre von den unterschiedlichsten Musikern. Beim Konzipieren eines neuen Albums versucht Norbert Krüler, sich von dem jeweiligen Vorgänger zu lösen: „…vor jedem neuen Album vergegenwärtige ich mir das letzte Werk, um mich nicht selbst zu kopieren. Außerdem möchte ich mich mit jedem neuen Album einer intellektuellen Herausforderung stellen und eine musikalische Hürde nehmen, die ich vorher noch nicht geschafft habe…“. Nachdem Shamall Mitte der 80er als erfolgreiches Discoprojekt gestartet ist und seit Anfang der 90er anspruchsvolle elektronische Musik produziert hatte, veränderte sich sein musikalischer Anspruch. Stets dem inneren Antrieb folgend, in keine Schublade gepresst zu werden, bemühte sich Shamall, immer wieder neue musikalische Elemente einzubringen. Auf „Ambiguous points of view“ spielen nun Gesang und Gitarre neben monumentalem Sound eine tragende Rolle. Durch das facettenreiche Zusammenspiel dieser Elemente wurde auch der letzte Schritt der Metamorphose von massenkompatibler Disco-Musik der Anfangsjahre zu einem komplexen Projekt der Psychedelic/Progressiv-Szene erfolgreich vollzogen.
„Ambiguous points of view“ ist also eine Weiterentwicklung im musikalischen Sinne und geht doch „back to the roots“. Die Doppel-CD besteht nämlich nur aus 2 Themen (à 15 bzw. 14 parts), die sich in bester Manier der 70er und 80er über das gesamte Album erstrecken. Musikalisch treten hier die Einflüsse namhafter Bands aus der alternativen Rockszene jener Ära in Erscheinung. Die Spiel- und Experimentierfreude, ein Markenzeichen jener Bands, sich auch auf „Ambiguous points of view“ allgegenwärtig. Allzu experimentelle Ausschweifungen braucht jedoch auch der Shamall-Fan älterer Werke nicht zu befürchten: „…die Melodie steht bei Shamall nach wie vor im Vordergrund. Sie darf nicht hinter zuviel Technik oder ausladenden handwerklichen Fähigkeiten einzelner verblassen. Herz, Kultur und Intellekt sollen immer ein ausgewogenes Miteinander bilden. Shamall ist eben ein Kind der bunten „Flower-Power-Hippie-Ära….“, so Norbert Krüler.